oder: Wie heilpädagogisches Reiten von Gewalt betroffenen Kindern und Müttern Lebensfreude bereitet

Auf der Heimfahrt im Bus macht der dreijährige Robin* Pferdegeräusche und hoppelt noch für den Rest des Tages durchs Frauenhaus, als ob er reiten würde. Er kommt gerade mit seiner Mutter, anderen Kindern und Müttern vom heilpädagogischen Reiten. Noch tagelang sind die Erlebnisse vom Pferdehof Thema unter allen Beteiligten. „Wann darf ich wieder zu den Pferden?“ werden die Betreuerinnen zwischen den Besuchen auf dem Reiterhof immer wieder gefragt.

Foto zu Pferd HP

Einfach die Seele baumeln lassen und die Probleme loslassen – das ist das Ziel der Reitstunden. Freude, Entspannung, Glück, Stärkung des Selbstvertrauens und ein neues Körpergefühl stehen im Gegensatz zu Alltags-problemen und vor allem zu den negativen Erfahrungen der Vergangenheit.

„Die Stunden mit dem Pferd“, wie die Teilnehmer liebevoll sagen, rücken positive Erfahrungen in den Vordergrund und sorgen somit für inneres Gleichgewicht.

* Name geändert

Bei der ersten Fahrt zu den Ställen sind die Teilnehmer immer angespannt, aufgeregt, neugierig, teilweise sogar misstrauisch. Nach der Reitstunde kehren sie gelöst und freudig zurück, strahlen dabei wie ein Honigkuchenpferd. Am Reitstall angekommen, ist das Eis schnell gebrochen: Die Pferde, die für therapeutische Zwecke ausgebildet sind, gehen unbefangen auf die Kinder und Mütter zu, und nehmen sie an, so wie sie sind. Sie suchen Körperkontakt und kommunizieren auf nonverbale Art. Das hilft auch, Probleme und Erlebnisse auf nonverbale Weise zu verarbeiten. „Ihr werdet sehen, die Pferde öffnen das Herz der Kinder“, prophezeit die kompetente und einfühlsame Reittherapeutin – und behält Recht.

Ein Pferd steht für Größe, Kraft, Stärke, Mut und Durchsetzungsvermögen – und fasziniert somit Kinder, die sich klein, schwach und ängstlich fühlen. Durch den Kontakt mit dem starken Partner fassen sie neuen Mut und neue Lebenskraft. Die beim Reiten ausgeschütteten Glückshormone stärken die Psyche bei Klein und Groß. All dies entsteht beim gemeinsamen Reiten, Füttern und Pflegen der Pferde. „Wir beobachten große Verbesserungen und die Wirkung ist immer nachhaltig, mindestens ein paar Tage, bis hin zu einer Woche“, berichtet eine Mitarbeiterin des Mädchen-Jungen-Bereichs. „Das Reiten gibt Frauen wie Kindern ein Stück Lebensfreude und bringt Leichtigkeit in den Alltag. Ängste werden abgebaut und sie gehen offener auf einen zu“, fügt eine Kollegin aus dem Frauenbereich hinzu.

Auch das Mutter-Kind-Verhältnis verbessert sich sichtlich: „Bei den älteren Kindern, deren Vertrauen von den Eltern gebrochen wurde, beobachten wir, dass sie nach der Reittherapie wieder mehr Vertrauen zu Erwachsenen fassen“, so eine Betreuerin. „Auf beiden Seiten löst es ganz viel Stolz auf das Geleistete aus, alle sind beeindruckt. Gemeinsam etwas mit der Mama vorzuhaben ist ein schönes Gefühl für die Kleinen.“

Die Rückmeldungen sind durchweg positiv: Neue Freundschaften werden geschlossen, auch zwischen Kind und Pferd, was die Kontaktfähigkeit verbessert. Die neu gewonnene Konzentration steigert den Lernerfolg in der Schule. Blockaden lösen sich, Sprachprobleme verringern sich, Auffälligkeiten nehmen ab. Vertrauen wird geschöpft, Verantwortung und Führung wird übernommen.

In den Schulferien gibt es sogar Tagesausflüge zum Reiterhof, die immer sehnsüchtig erwartet werden. Die sind wie eine Auszeit und werden einfach immer nur als schön und positiv empfunden. Deshalb freuen sich auch die Frauen vom ehrenamtlichen Fahrdienst immer auf das Strahlen der Teilnehmer, die sie transportieren. „Es ist schön zu sehen, dass sich alle so sehr daran freuen“, schwärmt eine Fahrerin.